Ein Gegenangebot annehmen? Das sind die Risiken

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Die Entscheidung, ein Gegenangebot des derzeitigen Arbeitgebers anzunehmen, kann verlockend sein, insbesondere wenn damit eine Gehaltserhöhung oder andere Benefits verbunden sind. Bevor man jedoch eine solche Entscheidung trifft, sollte man die möglichen Konsequenzen sorgfältig abwägen. Vanessa Sproedt-Graef, Managing Director bei Robert Half, erläutert, was bei der Annahme eines Gegenangebots zu beachten ist und warum es manchmal klüger sein kann, einen neuen Karriereweg einzuschlagen.
Sie haben gerade ein neues Stellenangebot angenommen und befinden sich in der vertraglich vereinbarten Kündigungsfrist. Da kommt Ihr jetziger Arbeitgeber unerwartet mit einem Gegenangebot auf Sie zu - ein verlockendes Paket mit einer Gehaltserhöhung von 10 Prozent, mehr Urlaub, weiteren Sachleistungen und einem Zuschuss zu einer kostspieligen Weiterbildung. Und das alles gehört Ihnen, wenn Sie sich dafür entscheiden, in Ihrem jetzigen Job zu bleiben. Was hindert Sie daran, dem anderen Unternehmen mitzuteilen, dass Sie es sich anders überlegt haben und den neuen Vertrag bei Ihrem jetzigen Arbeitgeber annehmen werden? Eine ganze Menge, wie sich herausstellt. Denn so verlockend die Gehaltserhöhung und die zusätzlichen Sozialleistungen auch sein mögen, bei Ihrem aktuellen Arbeitgeber zu bleiben, nachdem Ihnen ein Gegenangebot gemacht wurde, kann mehr Probleme mit sich bringen als ein echter Neuanfang bei einem anderen Unternehmen. Bevor Sie sich auf ein Gegenangebot einlassen, sollten Sie sich daher folgende Fragen stellen:
Was hat Sie überhaupt dazu bewogen, sich Stellenangebote anzusehen oder auf Anfragen von Headhuntern zu antworten? Wenn Ihr derzeitiges Arbeitsumfeld toxisch ist oder Sie ein schlechtes Verhältnis zu Ihrem Chef haben, werden weder zusätzliches Gehalt noch andere Benefits dazu beitragen, dass Sie froh sind, geblieben zu sein. Informieren Sie sich in der Gehaltsübersicht von Robert Half über die neuesten Trends bei Gehältern, Vergünstigungen und Benefits.
Auch wenn sich Ihr Arbeitgeber über Ihre Weiterbeschäftigung freut, könnte er Sie für jemanden halten, der das Unternehmen schnell wieder verlassen möchte. Wenn sich eine Beförderungsmöglichkeit ergibt, könnten Sie als einer der Letzten in Betracht gezogen werden, da Ihr Arbeitgeber nicht sicher sein kann, ob und wann Sie wieder kündigen werden. Sie haben vor Monaten um eine Gehaltserhöhung gebeten und sie trotz überzeugender Argumente nicht bekommen? Wenn Sie jetzt eine Gehaltserhöhung bekommen, weil Ihr Chef sich in die Ecke gedrängt fühlt, kann das eine echte Enttäuschung sein. Wenn Ihr Arbeitgeber Sie wirklich wertschätzt, sollte er Sie fair bezahlen und gute Leistungen honorieren und sich nicht von äußeren Umständen zu einer Gehaltserhöhung zwingen lassen.
Sie riskieren einen schlechten Eindruck bei dem anderen Unternehmen, wenn Sie Ihre Zusage zurückziehen. Und denken Sie daran: So etwas spricht sich schnell herum. Wenn andere in der Organisation Sie (zu Recht oder zu Unrecht) als jemanden ansehen, der externe Angebote nutzt, um intern bessere Bedingungen auszuhandeln, kann das Ihrem beruflichen Ansehen schaden.
Wenn Sie das Angebot Ihres derzeitigen Arbeitgebers annehmen und mehr verdienen als Ihre Kollegen, aber keine höhere Position erhalten, könnten Sie das Gefühl haben, sich nicht wirklich weiterentwickelt zu haben. Schließlich machen Sie immer noch die gleiche Arbeit, nur für mehr Geld. Wenn Sie eine höhere Position anstreben, ist es vielleicht besser, weiterzuziehen, insbesondere wenn Sie das Gefühl haben, aus Ihrer derzeitigen Rolle hinausgewachsen zu sein. Außerdem spricht sich eine Gehaltserhöhung immer herum. Werden Ihre Kollegen Sie misstrauisch beäugen und sich fragen, warum Sie eine Gehaltserhöhung bekommen haben, obwohl sich Ihre Aufgaben nicht wirklich geändert haben? Auch das sollten Sie bedenken, wenn Sie darüber nachdenken, ein Gegenangebot anzunehmen. Es ist schön, sich geschätzt und gewollt zu fühlen. Schon allein deshalb sind Gegenangebote immer verlockend. Doch die Risiken sind oft größer als die Chancen. Eine klügere Strategie ist es, eine positive Beziehung zu Ihrem derzeitigen Arbeitgeber aufrechtzuerhalten. Sollte er wirklich feststellen, dass er auf Sie nicht verzichten kann, wer weiß? Vielleicht kehren Sie ja in der Zukunft zu Ihren eigenen Bedingungen zurück.
80 % der Kandidaten, die ein Gegenangebot ihres aktuellen Arbeitgebers annehmen, verlassen das Unternehmen dennoch innerhalb von 6 Monaten.  9 von 10 Kandidaten, die ein Gegenangebot annehmen, verlassen ihren aktuellen Arbeitgeber innerhalb eines Jahres.  50 % der Kandidaten, die kündigen, erhalten ein Gegenangebot von ihrem aktuellen Arbeitgeber.  Es kann den aktuellen Arbeitgeber bis zu 213 % des Jahresgehalts kosten, eine Top-Führungskraft zu ersetzen.  50 % der Kandidaten, die Gegenangebote ihres aktuellen Arbeitgebers annehmen, sind innerhalb von 60 Tagen wieder aktiv auf Jobsuche.  Nur 38 % der Einstellungsmanager geben an, überhaupt keine Gegenangebote zu machen.  57 % der Mitarbeiter akzeptieren Gegenangebote. Aufgrund eines engen Kandidatenfeldes sind Unternehmen immer öfter bereit, ihren Mitarbeitern neben einem Plus am Gehalt weitere Argumente vorzulegen, die sie vom Bleiben überzeugen sollen: Laut unserer Gehaltsübersicht 2024 gaben unter den 500 befragten Unternehmen an, dass 32 Prozent ein Gegenangebot für besser halten als neue Mitarbeiter einzustellen, 31 Prozent halten dies sogar für ein geeignetes Mittel, um die Wichtigkeit des Mitarbeiters für das Unternehmen zu demonstrieren. 39 Prozent der Unternehmen würden wechselwilligen Mitarbeitern neue und vor allem höhere Stellen in Aussicht stellen, damit sie blieben. 44 Prozent würden Mitarbeitern mehr Verantwortung geben, jedes dritte Unternehmen würde ein Sabbatical bezahlen und 40 Prozent bezahlten einen Extra-Bonus. Und auf Bewerberseite? Dort gaben von 1000 befragten Arbeitnehmern rund 38 Prozent an, dass sie sich wertgeschätzt fühlen würden, wenn sie von ihrem Arbeitgeber ein Angebot zum Bleiben erhielten. 32 Prozent erklärten auch, dass dies eine Möglichkeit für sie darstellt, ihr Gehalt entsprechend zu erhöhen. 47 Prozent würden im Zuge dessen einen neuen Jobtitel akzeptieren, 41 Prozent würden mehr Verantwortung übernehmen. Es ist schön, sich geschätzt und gewollt zu fühlen. Schon allein deshalb sind Gegenangebote immer verlockend. Und die Ergebnisse zeigen auch, dass die Optionen, die ein Gegenangebot mit sich bringt, oft größer als gedacht sind. Unternehmen bieten bereits viel, um Mitarbeiter im Unternehmen zu halten. Dennoch ist der Weg des Gegenangebotes oft nicht risikofrei. Generell sollten Arbeitnehmer eine positive Verbindung zu ihrem Arbeitgeber halten. Das Risiko, dass durch entsprechende Verhandlung irreversible Schäden in der Verbindung zwischen Arbeitnehmer und Unternehmen auftreten, ist zu hoch." Bildquelle: © Tim Gouw - Unsplash