"Rausgehen, aktiv werden, sichtbar sein" - das rät Dr. Daniela Favoccia, Aufsichtsratsmitglied der Sartorius AG, Frauen, die in den Aufsichtsrat wollen. Die Diskussion im Rahmen der Veranstaltung "FidAR zu Gast bei Robert Half & Protiviti - Women on Board: Die Macht hinter den Kulissen und der Weg dorthin" zeigte, dass sich zwar einiges bewegt, Frauen in Aufsichtsräten aber nach wie vor unterrepräsentiert sind. Die Gründe dafür sind vielschichtig, die Wege ins Mandat oft steinig und selten vorgezeichnet. In diesem komplexen Gefüge aus Herausforderungen und Chancen diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des hochkarätig besetzten Panels Strategien und Erkenntnisse, wie Frauen trotz der bestehenden Widrigkeiten ein Aufsichtsratsmandat erlangen können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Carola Paschola: Aufsichtsratsvorsitzende der DFV Deutsche Familienversicherung AG sowie Aufsichtsratsmitglied des FinTech-Unternehmens Melanion Digital in Paris und Independent Director der Abdul Monem Economic Zone in Dhaka (Bangladesch). Rachel Empey: Aufsichtsrätin der BMW Group, der ZF Friedrichshafen AG und ehemalige Aufsichtsrätin der Fresenius Medical Care und CFO der Fresenius SE. Dr. Daniela Favoccia: Partnerin der Anwaltskanzlei Hengeler Müller, Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex, Mitglied des Aufsichtsrats der Sartorius AG und des erweiterten Vorstands des Arbeitskreises deutscher Aufsichtsrat e.V. Matthias Hünlein: Mitglied des Aufsichtsrats der Vonovia SE, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Tishman Speyer Investment Management GmbH, ehemaliger Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutsche Wohnen SE.

Wie kommt man zu seinem ersten Aufsichtsratsmandat?

Paschola: Mein erstes Mandat habe ich aufgrund meiner damaligen Funktion bekommen, ich war Mitglied der Geschäftsleitung bei American Express. Wir waren eine Bank in Österreich und brauchten einen Aufsichtsrat, da war es klar, dass ich Aufsichtsrat wurde. Schwieriger ist es, unabhängige Mandate zu bekommen. Aber wenn man das erste unabhängige Mandat hat, sind alle weiteren Mandate viel einfacher. Empey: Mein erstes Mandat war ein unabhängiges, kein internes. Ich war in einer Phase, in der ich mich mit Headhuntern über zukünftige Möglichkeiten austauschte. Dabei hatte ich schon im Hinterkopf, dass ich in Zukunft vielleicht einen Aufsichtsratsposten übernehmen könnte. Meine Idee war es, strategische Gespräche zu führen, um meinen Namen auf den Tisch zu bekommen. Damit ich dem Headhunter einfalle, wenn er eine Position zu besetzen hat. Von diesen Kontakten profitiere ich noch Jahre später. Dass es mit dem ersten Mandat so schnell geklappt hat, war allerdings Zufall. Die Headhunterin, mit der ich gesprochen hatte, hatte zu diesem Zeitpunkt zufällig den Auftrag, ein Mandat zu suchen, auf das meine Qualifikationen passten, und ich war gleich im ersten Prozess erfolgreich. Mein Geschlecht spielte dabei keine Rolle. Wichtig waren mein Wissen, meine internationale Erfahrung und vor allem, dass ich der jüngeren Generation angehöre. Ich war damals 39 Jahre alt. Favoccia: Bei mir war es eine Kombination aus beidem. Nach einem Sabbatical wollte ich beruflich nur noch 150 bis 200 statt 300 Prozent geben, da war Luft. Die Idee, ein Aufsichtsratsmandat zu übernehmen, fand ich spannend. Zuerst habe ich mit meinen Kontakten gesprochen, von denen ich wusste, dass sie ein Mandat haben. Die haben mich dann an Headhunter verwiesen. Aus diesen Gesprächen haben sich Angebote ergeben, die ich aber nicht angenommen habe. Mein Mandat kam schließlich über meine beruflichen Kontakte zustande. Die gesetzliche Quote war sicher auch ein Grund für mein Mandat. Denn sie hat dazu geführt, dass die Unternehmen etwas verändern wollten und den Frauenanteil in den Aufsichtsräten erhöht haben. Mein Tipp: Erst muss man sich über seine Ziele im Klaren sein und dann aktiv werden. Dazu gehört, Kontakte zu knüpfen, mit anderen zu sprechen, die bereits ein Mandat haben, und schließlich sichtbar zu werden. Wenn man den Wunsch nur insgeheim hegt und nicht darüber spricht, wird nie etwas daraus. Hünlein: Mein erstes Mandat hat sich aus einer Transaktion ergeben, liegt aber schon so lange zurück, dass die damalige Situation mit der heutigen überhaupt nicht mehr vergleichbar ist. Weitere Mandate haben sich aus meiner Funktion und meiner Kenntnis der Arbeitsweise eines Aufsichtsrates ergeben. Heute ist wahrscheinlich der strategische Ansatz der erfolgversprechendere.

Was müssen Vorstände und Aufsichtsräte aktuell mitbringen?

Hünlein: Das Wichtigste ist, sich über das eigene Profil im Klaren zu sein. Vor allem, wenn man Gespräche mit Headhuntern führen möchte. Darüber hinaus gibt es Anforderungen aus der Corporate Governance, die Kandidaten erfüllen müssen: Erfahrung im Governance-Bereich selbst, im Strategiebereich, ESG, IT - ein breiter Strauß an möglichen Feldern, die Unternehmen gezielt im Aufsichtsrat zu besetzen versuchen. Heute wird viel spezifischer nach bestimmten Qualifikationen gesucht. Paschola: Im Idealfall gibt es eine Kompetenzmatrix, in der im Voraus festgelegt wird, welche Kompetenzen der Kandidat/die Kandidatin mitbringen muss. Der Personalberater hält sich bei seiner Suche an diese Matrix und weiß genau, welche Bereiche abgedeckt werden müssen. Favoccia: Im Moment haben Frauen, die Finanzexpertise haben oder sich mit Nachhaltigkeit auskennen, sehr gute Chancen, ein Mandat zu bekommen. Aber auch Expertise in den Bereichen Wirtschaftsprüfung, ESG und Digitalisierung ist gefragt. Empey: IT- und Cybersicherheitskenntnisse sowie Kenntnisse im Bereich Künstliche Intelligenz sind derzeit sehr gefragt. Es werden jedoch nicht nur CEOs und CFOs gesucht, sondern ein viel breiteres und vielfältigeres Spektrum an Personen mit unterschiedlichem Hintergrund.

Wieso gibt es aktuell noch so wenig Frauen in Aufsichtsräten?

Hünlein: Ein Aspekt ist, dass für Chair Positionen Personen gesucht werden, die zuvor eine CEO-Position innehatten. Und in diesen Positionen liegt der Frauenanteil noch deutlich unter dem der Männer. Zudem sind die Berufungszeiträume in Deutschland (noch) relativ lang: Fünf Jahre sind keine Seltenheit. Entsprechend lange dauert es, bis Positionen frei werden und neu besetzt werden müssen. Zumal in vielen Fällen eine zweite Amtszeit antizipiert wird. Paschola: Das hängt nicht von der Qualifikation der Frauen ab, sondern sehr stark von der Art des Unternehmens. Aufsichtsräte in DAX-, MDAX- oder SDAX-Unternehmen werden aufgrund der ständig steigenden Anforderungen unter Berücksichtigung der Parität nach Qualifikation ausgewählt.Hier wird meist über Headhunter besetzt, um als Unternehmen unabhängig zu bleiben. Im Mittelstand bzw. in Familienunternehmen werden Beiratsmandate häufig über Kontakte besetzt. Gesetzliche Quotenregelungen gibt es in diesem Bereich nicht. Favoccia: Wichtig ist auch, dass Frauen in den Nominierungsausschüssen vertreten sind. In vielen Fällen ist das keine aktive Entscheidung der Männer, sondern eine Frage des Notizbuchs, des Netzwerks. Empey: Netzwerk und Reputation sind sehr wichtig. Aufsichtsräte und Aufsichtsratsvorsitzende ticken wie andere Menschen auch: Sie wollen mit Leuten zusammenarbeiten, die einen guten Ruf haben, oder vielleicht innerhalb ihres Netzwerks bekannt sind. Andererseits: Manchmal habe ich das Gefühl, dass es in einigen Unternehmen Boardsitze für Männer und solche für Frauen gibt. Wir müssen die Denkweise ändern. Das Geschlecht oder andere Merkmal, sollte keine Rolle spielen, sondern die Kompetenz sollte über die Auswahl entscheiden.

Wie gelingt es, in die richtigen Netzwerke zu kommen?

Favoccia: Rausgehen, sichtbar werden, kommunizieren. Man kann an Konferenzen teilnehmen, publizieren oder im beruflichen Kontext Vorträge halten. Über die eigene Arbeit im eigenen Beruf kann man sich außerdem eine gute Reputation und ein Netzwerk aufbauen. Außerdem wichtig: Nicht warten, bis jemand auf einen zukommt, sondern aktiv sagen, dass man die Position will. Paschola: Es ist wichtig, sich frühzeitig zu vernetzen und nicht zu warten, bis man in einen Aufsichtsrat will. Das fängt in der eigenen Branche an. Dort sollte man schon einen gewissen Bekanntheitsgrad haben. Wichtig dabei: Frauennetzwerke sind gut, aber die Entscheidungen werden oft von Männern getroffen. Deshalb würde ich Frauen, die in den Aufsichtsrat wollen, empfehlen, in gemischten Netzwerken aktiv zu werden. Das können Unternehmernetzwerke sein oder zum Beispiel Alumni-Netzwerke der ehemaligen Hochschule. Wichtig ist außerdem, dass Frauen selbst aktiv werden und kommunizieren. Entscheidend ist auch die kontinuierliche Erweiterung der Kompetenzen sowie die vorhandene Expertise in operativen Führungspositionen. Die strategische Planung der eigenen Karriere und die konsequente Umsetzung langfristiger Ziele sind ebenfalls wichtige Aspekte. Sichtbarkeit kann unter anderem durch den kontinuierlichen Ausbau des eigenen Netzwerks erreicht werden. Wichtig sind auch Unterstützerinnen und Unterstützer: Frauen und Männer, die heute schon in Aufsichtsräten oder Vorständen sitzen, können dazu beitragen, dass es bald insgesamt mehr Frauen in TOP-Positionen gibt. Empey: Es ist wichtig, proaktiv und offen zu sein. Nicht nur teilnehmen, sondern die eigene Komfortzone verlassen. Eine Rede zu halten oder an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen, auch wenn es nicht einfach ist, kann eine Möglichkeit sein, sichtbar zu werden. Insgesamt wurde deutlich, dass zwar bereits Fortschritte erkennbar sind, es aber weiterhin Engagement, strategisches Handeln und ein Umdenken braucht, um mehr Frauen in den Aufsichtsrat zu bringen. Der Weg zu einer ausgewogenen oder gar paritätischen Besetzung dieser Gremien ist komplex und erfordert gemeinsame Anstrengungen von Unternehmen, Personalberatern und das persönliche Engagement der Frauen selbst. Besonders wichtig ist, dass Frauen selbst aktiv werden: Ein kontinuierlicher Austausch und die konsequente Umsetzung langfristiger Pläne sind entscheidend. Vielleicht können auch diejenigen Frauen, die heute schon in den Aufsichtsräten sitzen, dazu beitragen, dass es bald insgesamt mehr Frauen in den Aufsichtsräten gibt.
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