Der Fachkräftemangel ist längst harte Realität in der deutschen Finanzbranche. Neben der kontinuierlichen Suche nach neuen Talenten rückt eine weitere Frage immer mehr in den Mittelpunkt: Können Unternehmen die wachsenden Anforderungen mit den vorhandenen Mitarbeitern bewältigen – und wenn ja, wie? Philipp Weingart, Managing Director Strategic Accounts bei Robert Half, gibt einen Einblick.
Was die Finanzbranche künftig benötigt:
Die aktuelle Studie „Future Workforce 2030“ von Robert Half in Zusammenarbeit mit Protiviti, für die 245 C-Level-Entscheidungsträger deutscher Banken und Versicherungen befragt wurden, zeigt: 42,1 Prozent der Führungskräfte erwarten, dass 2030 rund 10 bis 20 Prozent ihrer Positionen dauerhaft unbesetzt bleiben werden.
Angesichts dieser Prognose stehen die Führungsetagen vor einem Szenario, das frische Lösungsansätze erfordert. Denn die Transformation der Arbeitswelt verlangt nicht nur mehr Personal, sondern vor allem neue Kompetenzen und Fähigkeiten. Kurz gesagt: Unternehmen müssen über den reinen Fachkräftemangel hinausdenken.
Der demografische Wandel als Treiber des Personalnotstands
Kaum ein Trend bestimmt die Personalplanung in der Finanzbranche so stark wie der demografische Wandel. 54,3 Prozent der befragten Führungskräfte sehen darin den stärksten Einflussfaktor für ihre Personalstrategie bis 2030.
Die Auswirkungen sind bereits heute spürbar: Während einerseits erfahrene Mitarbeiter in den Ruhestand gehen, steigt andererseits der Personalbedarf. 46,5 Prozent der Institute rechnen damit, dass sie bis 2030 mehr Mitarbeiter benötigen werden – und das in einem zunehmend umkämpften Arbeitsmarkt.
Diese Entwicklung gefährdet unmittelbar die Geschäftsziele. 50,2 Prozent der Unternehmen erwarten Umsatzeinbußen, weil sie wichtige Transformationsprojekte nicht wie geplant umsetzen können. Ein Teufelskreis, denn gerade diese Projekte entscheiden über die künftige Wettbewerbsfähigkeit.
Die Dringlichkeit der Situation zeigt sich besonders deutlich: 61,7 Prozent der befragten Executives stimmen zu, dass ihre HR-Strategien den Anforderungen zukünftiger technologischer und marktbedingter Veränderungen nicht genügen. Lediglich 6,5 Prozent der Unternehmen sehen sich für die Zukunft gut aufgestellt – eine alarmierende Bilanz, die grundlegendes Umdenken in den Personalstrategien erfordert.
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Vom Fachkräftemangel zum Fähigkeitsmangel
Der Personalmangel in der Finanzbranche geht über rein quantitative Aspekte hinaus. Die Workforce Transformation – ein ganzheitlicher Ansatz, der Technologie, Menschen und Prozesse umfasst – verändert grundlegend, welche Kompetenzen Mitarbeiter künftig benötigen. Dabei sticht besonders der Bereich der Künstlichen Intelligenz hervor: 44,5 Prozent der Institute sehen KI als zentrale Herausforderung für ihre Personalstrategie.
Die Studienergebnisse machen deutlich, dass der eigentliche Engpass nicht in der reinen Mitarbeiterzahl liegt, sondern im Fähigkeitsportfolio. 73,5 Prozent der Unternehmen berichten von einem hohen Bedarf an IT-Expertise. Besonders kritisch: Es fehlen Fachkräfte mit Kenntnissen in zukunftsweisenden Bereichen wie Data Analytics, Künstliche Intelligenz und Cybersicherheit.
Diese Entwicklung bringt für Personalverantwortliche zwei zentrale Aufgaben mit sich: Einerseits müssen sie die bestehende Belegschaft weiterentwickeln, andererseits neue Kompetenzen ins Unternehmen holen. 33,9 Prozent der Executives sehen bereits heute ein deutliches Defizit an digitalen Kompetenzen in ihrer aktuellen Belegschaft.
Die Notwendigkeit des Handelns belegen weitere Studienergebnisse. 60 Prozent der Institute erkennen, dass ihre gegenwärtigen Weiterbildungsangebote nicht ausreichen, um die künftigen Kompetenzanforderungen abzudecken. Die Botschaft ist klar: Der Fähigkeitsmangel überholt den reinen Fachkräftemangel als zentrale Herausforderung der Branche.
Externe Expertise als strategische Ressource
Um den Fachkräftemangel gezielt abzufedern, setzen Finanzinstitute zunehmend auf externe Unterstützung. Die Gründe liegen auf der Hand: 38,4 Prozent der Befragten schätzen besonders die Flexibilität in der Ressourcenplanung, während 37,6 Prozent die Reduktion von Fixkosten als entscheidenden Vorteil sehen.
Dabei kristallisieren sich zwei zentrale Modelle heraus: Managed Service Provider übernehmen ganzheitlich Prozesse und Workloads (23,3 Prozent), während Interim Manager (23,7 Prozent) strategische Initiativen umsetzen. Diese flexible Ergänzung der internen Teams ermöglicht es Unternehmen, schnell auf neue Anforderungen zu reagieren.
Die Vorteile dieser On-Demand-Modelle sind vielfältig: 40,8 Prozent der Unternehmen schätzen den problemlosen Zugriff auf Experten, 39,2 Prozent die schnelle Verfügbarkeit von Talenten. Besonders wichtig: 38,8 Prozent der Institute nutzen Zeitarbeitskräfte gezielt, um saisonale oder projektbezogene Spitzen zu bewältigen. Ein Modell, das sich bewährt – verkürzte Einarbeitungszeiten nennen 25,7 Prozent der Befragten als zusätzlichen Vorteil.
Diese Flexibilisierung der Personalstrategie gewinnt vor allem im Kontext der digitalen Transformation an Bedeutung. Externe Spezialisten bringen nicht nur ihr Fachwissen ein, sondern auch wertvolle Erfahrungen aus verschiedenen Projekten und Unternehmen. Ein zusätzlicher Vorteil: Von der Zusammenarbeit mit externen Experten profitieren auch die internen Teams – Wissenstransfer und Best Practices fördern die Entwicklung der eigenen Mitarbeiter.
Der demografische Wandel und die digitale Transformation zwingen Unternehmen zum Umdenken: Parallel zur kontinuierlichen Suche nach neuen Mitarbeiter müssen sie die vorhandenen Kompetenzen gezielt weiterentwickeln und durch flexible externe Expertise ergänzen. Wer diese Herausforderung als Chance begreift und seine Personalstrategie neu ausrichtet, sichert mehr als die eigene Wettbewerbsfähigkeit – er gestaltet aktiv die Zukunft der Finanzbranche.
Die in diesem Beitrag vorgestellten Erkenntnisse stammen aus der umfassenden Studie „Future Workforce 2030“ von Robert Half in Zusammenarbeit mit Protiviti, die soeben erschienen ist. Befragt wurden 245 C-Level-Entscheidungsträger in deutschen Banken und Versicherungen. Die Studie können Sie hier kostenlos herunterladen.