Die Banken spüren den Transformationsdruck. Sie sollen innovativer und effizienter werden und gleichzeitig die Kostensituation signifikant verbessern. Großbanken kündigen derzeit Stellenstreichungen, insbesondere im Investment Banking und den Handelsabteilungen, an. Philipp Weingart, Managing Director Strategic Accounts bei Robert Half, schreibt darüber, warum Stellenabbau und fehlende Fachkräfte in der Zukunft sich nicht ausschließen.
Ein klarer Trend, der im Finanzumfeld deutlich zunimmt, ist die Verlagerung bestimmter Arbeitsbereiche nach extern. Backoffice-Funktionen wie Fondsbuchhaltung, Shared Service Center oder das Meldewesen (Regulatory Reporting) sind in ihrer Gesamtheit standardisierte Prozesse und werden zunehmend in Länder wie Polen (Nearshoring) oder Indien (Offshoring) ausgelagert. Eine Folge: Viele der altbekannten Festanstellungspositionen bei den Bankhäusern in diesen Bereichen werden im Heimatmarkt abgebaut.
Diese Auslagerungen sind jedoch nicht risikolos für die Unternehmen. Gerade Auslagerungsmodelle, die Landesgrenzen überschreiten, sind zunehmend mit Qualitätsproblemen behaftet. Die Arbeitsergebnisse sind jedoch signifikant besser, wenn mitunter ganze Projekte an externe Dienstleister ausgelagert werden, die ebenfalls im Heimatmarkt ansässig sind. Projektsteuerung und der kommunikative Aspekt sind an dieser Stelle wesentliche Erfolgstreiber.
Ressourcenallokation: Das Stellenabbau-Paradox im Finanzbereich
Der medial oft besprochene Stellenabbau bei Banken und dem gleichzeitigen Fachkräftemangel in der gesamten Branche lässt sich durch einen konjunkturellen Ansatz erklären. Der Unterschied ist vor allem der Zeithorizont. Auf der einen Seite beobachten wir kurzfristige Dynamiken und langfristige Bedarfe, die sich gegenüberstehen.
Kurzfristig reagieren Unternehmen auf wirtschaftliche Bedingungen durch Stellenabbau zur Kostensenkung oder als Teil einer strategischen Neuausrichtung. Diese Restrukturierungen zielen häufig darauf ab, ineffiziente oder veraltete Tätigkeiten zu automatisieren oder auszulagern. Diese Maßnahmen sind zyklisch: Bei einer verbesserten Konjunktur steigt der Personalbedarf meist wieder an.
Langfristig hingegen bleibt der Fachkräftemangel in den Unternehmen eines der Top-Themen. Die Gründe dafür sind unter anderem der demografische Wandel sowie die grundlegend veränderten Anforderungen an den Arbeitsmarkt. Wissen, das in den Ruhestand geht, ist für Unternehmen erst einmal unwiederbringlich verloren. Dazu sehen wir, dass die Banken den technologischen Fortschritt bestmöglich für sich nutzen wollen und repetitive Aufgaben automatisieren. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach hochqualifizierten Fachkräften in technologiegetriebenen Bereichen wie Datenanalyse, Künstlicher Intelligenz oder Cybersecurity. Unternehmen sind daher gezwungen, ihre Ressourcen gezielt zu allokieren und in Umschulung sowie Weiterbildung bestehender Mitarbeiter zu investieren, um den strukturellen Wandel zu bewältigen.
Auch Gehaltsstrukturen sind betroffen
Wir sehen auch bereits erste Auswirkungen auf Gehaltsbänder in den Unternehmen. Während die Gehälter in administrativen Bereichen eher stagnieren oder gar rückläufig sind, erhalten wertschöpfungsnahe und strategisch wichtige Rollen zunehmend größere Anteile am Gehaltsbudget. Besonders Expertise in zukunftsrelevanten Bereichen wie Künstlicher Intelligenz oder Compliance wird zunehmend höher vergütet.
Das scheinbare Zerrbild aus Stellenabbau und gleichzeitigem Fachkräftemangel ist letztlich kein Widerspruch, sondern Ausdruck unterschiedlicher Zeithorizonte. Laut unserer „Future Workforce 2030 – Der neue CHRO als Architekt der Transformation im Finanzsektor“ erwarten 62 Prozent der befragten Entscheider im Bankenumfeld 10 Prozent offene Stellen. Damit ist nicht gemeint, dass in absoluten Zahlen zu wenig Mitarbeiter an Bord sind, es wird vor allem an Mitarbeitern mit den richtigen Fähigkeiten fehlen.
Senior-Positionen auf dem Prüfstand
Diese Situation geht hoch bis ins Management. Auffällig ist, dass verstärkt von Senior-Positionen und mittlerem Management abgebaut werden oder zumindest in der Unternehmensmatrix an Bedeutung verlieren. Laut unserer Gehaltsübersicht 2025 sind die Gehälter in diesen Bereichen immens – teilweise um 40 Prozent – gesunken. Beispielsweise der DCM/FSI Sales: Managing Director wird mit 226500 Euro Jahresgehalt veranschlagt, im Vorjahr lag die Position noch im Bereich um 318.500 Euro. Die Unternehmen kürzen in diesen Rollen, um höhere Gehälter für juniorige Positionen zu ermöglichen.
Diese juniorigeren Positionen können vor allem aufgrund ihrer Neuartigkeit am Arbeitsmarkt so bezeichnet werden. Experten mit Fokus auf Machine Learning, Künstliche Intelligenz und Fachleute für Cybersecurity sind am Markt gefragter denn je. Im KI-Bereich sehen wir, dass sich genaue Anforderungsprofile gerade erst ausgestalten und sich Fachkräfte dann erst in diese Rollen hineinentwickeln werden.
Weiter angetrieben wird diese Nachfrage durch neue Dienstleister und Wettbewerber im Finanzbereich. FinTechs und alternative Finanzdienstleister werben ebenfalls genau um diese Expertise für ihre Unternehmen.
Karriereperspektiven: Neue Wege in einer veränderten Branche
Um das oben beschriebene Zerrbild von Stellenabbau und Fachkräftemangel noch einmal aufzugreifen. Gerade wenn traditionelle Banken Stellen abbauen, bieten sich für qualifizierte Fachkräfte viele neue Karriereperspektiven. Wer bereit ist, sein Wissen aktuell zu halten und an die Marktgegebenheiten anzupassen, kann von den aktuellen Entwicklungen profitieren.
Fintechs und Neobanken
Neue Finanzdienstleister drängen auf den Markt und schaffen neue Angebote, die mit spezialisierten Angeboten Kundenbedürfnisse oft besser abbilden können. Auch diese Unternehmen benötigen Industrie-Know-how und bieten spannende Betätigungsfelder für Banker, die aus einem großen Bankhaus ausscheiden. Denn diese Unternehmen sind auf das Fachwissen aus traditionellen Banken angewiesen und bieten oft eine dynamischere, innovationsorientierte Arbeitsumgebung.
Beratung und Risiko-Management
Erfahrene Banker können ihr Wissen als freiberufliche Berater oder in Unternehmensberatungen mit Fokus auf die Finanzindustrie einbringen. Gerade der Interim-Management-Markt wird immer größer. Die Verdienstmöglichkeiten in diesen Bereichen sind im Marktvergleich außerordentlich und die Unternehmen suchen nach Experten, die situativ an Bord kommen, Projekte anschieben oder Transformationsprozesse risikoarm begleiten.
Interner Sidestep
Auch innerhalb bestehender Banken können sich neue Chancen ergeben. Beispielsweise wechseln derzeit Fondsbuchhalter in die klassische Buchhaltung, da diese Abteilungen in Deutschland weiterhin bestehen bleiben. Wer flexibel ist und bereit, sich neuen Aufgaben zu stellen, kann so seine Karriere sichern und weiterentwickeln.
Die Bankenbranche steht vor weitreichenden Veränderungen, die für viele Arbeitnehmer eine Herausforderung darstellen. Gleichzeitig ergeben sich jedoch neue Karrieremöglichkeiten für Fachkräfte, die bereit sind, sich den neuen Anforderungen zu stellen. Wer digitale Kompetenzen aufbaut, Innovationsbereitschaft zeigt und offen für neue Wege ist, kann in dieser dynamischen Branche auch zukünftig erfolgreich sein. Der Wandel bietet nicht nur Risiken, sondern auch vielfältige Chancen für eine zukunftsorientierte Karriere im Finanzsektor.
Bildquelle: Jacob Wackerhausen@istock
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