Im Nationalmannschaftstrikot zur EM ins Büro? Das ist während der EM erlaubt

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Bald ist es wieder soweit: Die Fußball-Europameisterschaft wird ausgetragen - 2024 sogar im eigenen Land. Dann verwandeln sich nicht nur die Stadien in Fanmeilen, auch in den Büros und an den Arbeitsplätzen wird mitgefiebert. Und während die Mannschaften um den Titel kämpfen, fragt sich so mancher Arbeitnehmer, ob er im Nationaltrikot zur Arbeit erscheinen darf. In diesem Blog erklären wir, was geht und was nicht geht. 
Eines vorweg: Fragen wie diese lassen sich oft nicht pauschal beantworten, da unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen - Bekleidungsvorgaben von Unternehmen vs. Persönlichkeitsrechte, professionelle Unternehmens-Imagepflege vs. individuelle Ausdrucksfreiheit am Arbeitsplatz. 
Bei der Wahl der Kleidung am Arbeitsplatz geht es – unabhängig von sportlichen Großereignissen – um die Frage, was höher zu bewerten ist: die betrieblichen Belange und damit das Weisungsrecht des Arbeitgebers oder das grundgesetzlich geschützte Persönlichkeitsrecht des Arbeitnehmers. Tatsächlich bestehen verschiedene Möglichkeiten, wo Regelungen hinsichtlich der Arbeitskleidung zu finden sein können. Zum einen können Arbeitsverträge Regelungen zur Wahl der Arbeitskleidung beinhalten.  Ferner kann sich eine Pflicht zu branchenüblicher Kleidung aus arbeitsvertraglichen Nebenpflichten oder kollektive Vereinbarungen wie Betriebs- und Dienstvereinbarungen ergeben.  Insoweit keine ausdrücklichen Vereinbarungen bestehen  erlaubt auch das so genannte Weisungs- oder Direktionsrecht (§ 106 GewO) des Arbeitgebers bestimmte Vorgaben zur Kleidung am Arbeitsplatz. Insbesondere wenn Hygiene- oder Sicherheitsvorschriften am Arbeitsplatz gelten, kann der Arbeitgeber in der Regel über die Kleidung seiner Mitarbeiter entscheiden und sich damit über das Selbstbestimmungsrecht seiner Arbeitnehmer hinwegsetzen. Aber auch wenn der Arbeitgeber Wert auf ein einheitliches äußeres Erscheinungsbild legt, beispielsweise durch Uniformen oder Arbeitskleidung mit Firmenlogo, oder der Arbeitnehmer in einer exponierten Position tätig ist, überwiegt häufig das Weisungsrecht des Arbeitgebers gegenüber dem Persönlichkeitsrecht des Arbeitnehmers. Weil der Arbeitgeber aber mit Regelungen bezüglich Arbeitskleidung in das vom Grundgesetz geschützte allgemeine Persönlichkeitsrecht des Arbeitsnehmers eingreift (GG Art. 2), ist dies immer eine Einzelfallentscheidung. In GG Art. 2 heißt es: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt." Will der Arbeitgeber daher in dieses Recht des Arbeitnehmers eingreifen, müssen diesem die betrieblichen Interessen gegenübergestellt und gegeneinander abgewogen werden.  
Wie bereits erwähnt, hat die schwierige Sachlage zur Folge, dass keine pauschale Aussage darüber getroffen werden kann, was der Arbeitgeber anordnen darf und was nicht. Will der Arbeitgeber seinem Arbeitnehmer verbieten, im Deutschlandtrikot oder einem anderen Nationaltrikot zur Arbeit zu erscheinen, muss er die beiden genannten Interessen gegeneinander abwägen. Überwiegen die betrieblichen Interessen (ein solches Interesse kann z.B. auch darin bestehen, dass der Arbeitgeber Streitigkeiten innerhalb der Belegschaft vermeiden möchte - z.B. wenn ein Arbeitnehmer im Trikot der Nationalmannschaft am Arbeitsplatz erscheint, während andere Arbeitnehmer der unterlegenen Nationalität angehören), darf der Chef nach Ansicht von Juristen das Tragen des Nationaltrikots verbieten. Sofern keine besonderen Gründe (wie beispielsweise Hygienevorschriften, Arbeitsschutzvorschriften oder ggf. eine Störung des Betriebsfriedens) vorliegen, die eine bestimmte Kleiderordnung rechtfertigen, muss der Arbeitgeber zunächst nachweisen, dass er ein berechtigtes Interesse daran hat, zu bestimmen, welche Kleidung seine Arbeitnehmer am Arbeitsplatz tragen. Wenn der Arbeitnehmer im Lager arbeitet und keinen Kontakt zu anderen Personen als seinen Kollegen hat, dürfte es für den Arbeitgeber schwierig sein, seinem Arbeitnehmer zu verbieten, in einem Nationaltrikot zur Arbeit zu erscheinen, es sei denn, er befürchtet Unruhe unter der Belegschaft oder das Tragen des Nationaltrikots anstatt von Arbeitsschutzkleidung verstößt gegen Arbeitssicherheitsvorschriften. Ähnlich dürfte die Situation bei Arbeitnehmern sein, die im Büro arbeiten und keinen Kundenkontakt haben. Auch hier dürfte es dem Arbeitgeber schwer fallen, die betrieblichen Belange über das Persönlichkeitsrecht des Arbeitnehmers zu stellen. Sofern andere Mitarbeiter durch das Trikot nicht belästigt werden, nicht gegen Hygiene- oder Arbeitsschutzvorschriften verstoßen wird und der Arbeitnehmer seine Arbeit wie gewohnt verrichtet, ist gegen das Trikot in der Regel nichts einzuwenden. Anders stellt sich das möglicherweise nur dann bei Bürotätigkeiten dar, wenn der Arbeitnehmer als Kundenbetreuer im hochpreisigen Segment tätig ist. In diesem Falldürfte der Arbeitgeber durchaus auch ein berechtigtes Interesse daran haben, dass sein Arbeitnehmer gerade nicht im Deutschlandtrikot, sondern eher im Anzug erscheint. Ein Beispiel hierfür ist die gesamte Finanzindustrie, in der ein seriöser Auftritt ein wichtiger Baustein für das Kundenvertrauen ist. 

Mitbestimmungsrecht des Betriebsrates

Auch der Betriebsrat kann ein Recht auf Mitbestimmung bei der Einführung einer möglichen Kleiderordnung im Betrieb haben. In § 87 I Nr. 1 BetrVG heißt es dazu, dass der Betriebsrat ein Mitbestimmungsrecht hat, wenn: „Fragen der Ordnung des Betriebs und des Verhaltens der Arbeitnehmer im Betrieb“ tangiert werden. 
Wenn man während der EM schon kein Trikot im Büro tragen darf, könnte es eine Alternative sein, den Schreibtisch während des Turniers in den Nationalfarben zu dekorieren. Aber auch hier gilt: Im Zweifelsfall lieber vorher mit dem Vorgesetzten oder Arbeitgeber klären. Auch wenn gegen die Farben an sich nichts einzuwenden ist, könnte man mit der Dekoration gegen andere Vorschriften verstoßen, zum Beispiel gegen die Brandschutzverordnung. Also lieber frühzeitig das Gespräch suchen, als sich im Nachhinein zu ärgern oder gar einen Streit mit dem Arbeitgeber zu provozieren – das gilt sowohl für das Nationaltrikot als auch für andere strittige Fragen. Bildquelle © Tom /Pixabay 
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